Im Alter vom Land in die Stadt gezogen

26. November 2015

Andernach. Wolfgang Nellen bereut den Umzug von Volkesfeld nach Andernach nicht – In Vereinen engagiert

Es gibt viele Gründe, im Alter vom Land in die Stadt zu ziehen. Bei Wolfgang Nellen hatte es etwas mit dem Gefühl von Einsamkeit und Langeweile zu tun. Viele Freunde waren bereits verstorben oder gesundheitlich nicht mehr fit, und so suchte er für sich nach einer Alternative: „Ich wollte in die Stadt unter Leute“, erinnert sich der 82-Jährige.

Der ehemalige Beamte rechnete durch, was er für eine kleine Mietwohnung mit Nebenkosten zahlen muss und was ihn eine Miniwohnung im Katharina-Kasper-Seniorenzentrum in Andernach kostet. Da finanziell kein Unterschied bestand, zog er Anfang 2012 in die Einrichtung, als dort etwas frei wurde. „Ich habe es nicht bereut“, sagt der 82-Jährige.

Nach dem Umzug entdeckte Nellen die Boulebahn an der Stadtmauer. Dienstag- und donnerstagnachmittags trifft man ihn häufig dort. Aber weil das für den bewegungsfreudigen gebürtigen Düsseldorfer noch zu wenig war, trat er noch der Andernacher Ortsgruppe des Eifelvereins bei. „Man muss auf die Leute zugehen, die kommen nicht von selbst“, ist seine Erfahrung. Aber sie empfingen neue Mitglieder mit offenen Armen.

„Am Anfang bin ich noch die großen Touren mitgegangen, nach meinem Oberschenkelbruch schaffe ich nur noch die kleinen zwischen fünf und sechs Kilometern“, erzählt er mit etwas Bedauern in der Stimme. Dabei weiß der Senior, dass es hätte viel schlimmer ausgehen können, als ihm in seiner kleinen Wohnung schummerig wurde und er auf den Holztisch stürzte. Der Witwer musste nicht darauf warten, dass ihn jemand zufällig findet, er hat einen Notrufknopf am Bett und einen zum Mitnehmen.

Nellens Reich besteht aus einem großen Raum mit Bett, Sitzgruppe, Spüle und Herdplatten und zahlreichen Schränken mit Blick auf die Stadtmauer und den Wald oberhalb Andernachs sowie einem barrierefreien Bad. Nebenan ist ein Raum mit Waschmaschinen und Trocknern. Wie viele Senioren möchte er so lange wie möglich selbstständig leben. „Hier habe ich gewisse Freiheiten und niemand macht mir Vorschriften“, erzählt er. Wann er aufsteht und was es zu essen gibt, ist allein seine Entscheidung. Dreimal in der Woche geht er in den nahen Supermarkt einkaufen: „Ich habe die Sachen gern frisch“, erzählt er. Sein Arzt ist direkt um die Ecke, zum Bahnhof läuft er 15 Minuten. Nach Koblenz fährt Nellen oft, 30 Jahre war der ehemalige Beamte dort beschäftigt. Auf dem Land in Volkesfeld ging das nicht. Dort fuhr der Senior Auto. „Als ich hierher zog, habe ich das direkt abgeschafft“, erzählt er. „Man wird ja älter und ist nicht mehr so reaktionsfähig.“ Er war selbst erstaunt, wie leicht ihm der Verzicht fiel.

Mittwochs trifft sich Nellen mit Nachbarn vom Flur zum Romméspielen. Er ist Kassenwart. Ist genug drin, gehen sie zusammen essen. Abends sitzt der 82-Jährige gern in der Cafeteria des Seniorenzentrums, dort trifft er immer jemanden zum Plaudern. „Wenn ich eine Wohnung hätte, käme ich nach Hause, und kein Mensch wäre da“, meint der Senior, dessen drei Kinder, zwei Enkel und drei Urenkel sehr verstreut wohnen. Nachbarn blieben ja heute auch eher unter sich, da könne er höchstens in die Kneipe gehen. Aber natürlich denkt Nellen manchmal ans Land zurück, zweimal hat er in Volkesfeld gewohnt, einmal von 1971 bis 1995 und vor seinem Umzug nach Andernach noch einmal rund drei Jahre. Wenn er von seinem großen Garten mit Brunnen, Garten- und Treibhaus mit viel Platz für Karnickel und Zwerghühner erzählt, hört man einen leichten Hauch von Wehmut in der Stimme. „Das habe ich nicht gern aufgegeben“, gibt er zu. Aber Nellen ist Realist – „Eines Tages ist es vorbei, damit muss man sich abfinden“ – und schaut lieber nach vorn. Lobend erzählt er vom Einrichtungsleiter, der sich immer bemühe, ein gutes Programm für die Bewohner auf die Beine zu stellen. Auf die Öffnung zur Nachbarschaft wird wert gelegt, in diesem Jahr war das Haus zum ersten Mal bei der Kulturnacht dabei. Nellen und ein Mitbewohner sind gedanklich bereits beim Karneval. Seit das ehemalige Chormitglied beim Sommerfest gesungen hat, ist sein Talent gefragt. Und sollte der 82-Jährige irgendwann doch einmal einen Pflegeplatz benötigen, muss er sich nur an eine neue Etage im Haus gewöhnen.

Zum Bild: Wolfgang Nellen hat seinen Umzug vom Dorf in die Stadt Andernach nicht bereut. In seiner Miniwohnung im Katharina-Kasper-Seniorenzentrum hat er sogar Platz für seine Elefantensammlung. 

 

Mit freundlicher Genehmigung der Rheinzeitung
Foto: Yvonne Stock | Rhein-Zeitung vom Mittwoch, 4. November 2015, Seite 17



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