Hinfallen, aufstehen und nicht aufgeben, sondern weitermachen!

04. August 2020

Kaldenkirchen/Köln/Mallorca. Bei einem dreitägigen Workshop beeindruckt Ex-Radsportprofi Marcel Wüst sieben Jungen einer Jugendhilfe-Wohngruppe nicht nur mit seinem Fachwissen und seinem Fahrkönnen.

„Endlich ist er da!“, sagt Ursula Geisen, Bereichsleiterin in der Jugendhilfe Schloss Dilborn der ViaNobis und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Mit „er“ ist dabei niemand Geringeres als der ehemalige Radprofi Marcel Wüst gemeint.

Der gebürtige Kölner und Wahl-Mallorquiner gewann bei den großen Rundfahrten Tour de France, Giro d´Italia und Vuelta a España 14 Etappen und fuhr als Sprinter über 100 Siege heraus. Seine Profisportler-Karriere musste er nach einem tragischen Unfall beenden, bei dem er sich schwere Kopfverletzungen zuzog und die Sehkraft auf dem rechten Auge verlor. Das war im Jahr 2000. Zu diesem Zeitpunkt waren die sieben Jungen, die mit leuchtenden Augen an den Lippen des heute 53-Jährigen hängen, noch nicht geboren.

Zusammengefunden haben Wüst und die sieben Jungen einer Jugendhilfegruppe aus Kaldenkirchen dank der Hartnäckigkeit von Ursula Geisen. Sie selbst kennt den Ex-Radrennprofi bereits seit vielen Jahren und hatte schon lange die Idee, ihn mit den Jungen zusammenzubringen. „Da Marcel jedoch immer schon monatelang ausgebucht ist, war das gar nicht so einfach“, schmunzelt Ursula Geisen. Er ist heute unter anderem als Moderator sowie Motivationstrainer tätig und bietet auf seiner Finca auf Mallorca Radtrainings an. „Aufgrund der aktuellen Situation rund um das Coronavirus ist Marcel aktuell außerplanmäßig in Deutschland. Ich freue mich riesig, dass er sich ganze drei Tage Zeit für unsere Jungen nimmt.“

Dass diese dem Treffen mit dem Ex-Profi bereits seit Wochen entgegenfiebern, kann Maik Wiens bestätigen. Der Teamleiter der Wohngruppe in Kaldenkirchen, in der die Jungen im Alter von sieben bis 13 Jahren leben, erzählt: „Für das Training sind die Jungen bestens ausgestattet. Im vergangenen Jahr hat jeder von ihnen ein neues Fahrrad bekommen – eine Spende des Freundeskreis Jugendhilfe Schloss Dilborn e.V.“ Der Förderverein der Jugendhilfe unterstützt auch die drei Tage der Jungen mit dem Ex-Radrennprofi finanziell.

Kölsches Grundgesetz als Lebensmotto

Vor dem Start des Trainings erzählt Ursula Geisen, was man auch schnell merkt, wenn man Wüst zuhört und beobachtet: „Marcel ist authentisch. Er lebt das, was er sagt. Und er hat eine besondere Art zu arbeiten, eine besondere Haltung.“ Diese hinge nicht nur mit seinem Schicksalsschlag zusammen, so Wüst. Er sei schon immer eine echte kölsche Frohnatur gewesen. „Im Kölschen Grundgesetz heißt es: ´Et es wie et es. Et kütt wie et kütt.´ Wenn man dies verinnerlicht hat, so wie ich, lebt man auf jeden Fall glücklicher und entspannter“, sagt Wüst mit einem Augenzwinkern. Folglich verwundert es auch nicht, wie er seine Ziele für die gemeinsame Zeit mit den Jungen zusammenfasst: „Erlebnis vor Ergebnis.“ Es sei ihm wichtig, dass die Jungen und er Freude haben an dem, was sie tun.

Einig sind sich Wüst, Geisen und Wiens darüber, dass die Tage für die Jungen auf jeden Fall auch einen Lerneffekt haben werden: „Bei dem Fahrtechniktraining und den verschiedenen Übungen werden die Jungen das merken, was sie und wir alle hin und wieder in unserem Leben erfahren müssen: Teilweise ist der Weg, den wir einschlagen, steinig und nicht gerade, sondern führt über Umwege. Hinzufallen und zu scheitern gehört dazu. Wichtig ist es aber, dass man immer wieder aufsteht und weitermacht. Dabei ist es hilfreich, wenn man den Weg, den man geht, gut findet.“

Die drei Tage gestaltete Wüst vielseitig: Neben der Vermittlung von theoretischem Wissen zeigte er den Jungen den einen oder anderen Trick mit seinem Rad. Gemeinsam bezwang die Gruppe verschiedene Parcours in einem Mountainbike-Park und absolvierte ein Zeitfahren in einem Wald. „Die ´Königsetappe` führte uns dann auf eine Anhöhe bei Köln“, erzählt Wüst. „Motto des Tages war: Diese Anforderung schaffen wir als Team gemeinsam, keiner muss absteigen, die Stärkeren helfen den Schwächeren.“

Übungen zu Fahrsicherheit und Fahrtechnik, zum Beispiel mit dem Rad über Hindernisse springen, die plötzlich im Weg liegen, oder auch Radbeherrschung durch das Fahren einer Acht in aufgezeichneten Parkbuchten begeisterten die Jungen gleichermaßen. „Besonders stolz waren sie natürlich auf die Trikots, die Marcel ihnen am ersten Tag geschenkt hat. Diese stammen aus der teameignen Trikotedition von Marcel Wüst und werden von den Mitgliedern seines Radteams in Deutschland und der ganzen Welt getragen. Dazu passend erzählte er uns, wie er an sein Bergtrikot bei der Tour de France gekommen ist und wie er sich auf diese Etappe vorbereitet hat“, sagt Maik Wiens. „Das war ein sehr gutes Beispiel, um den Jungen das Thema ´Ziele formulieren, Ziele angehen und Ziele erreichen´ nahe zu bringen.“

Täglich gab es eine gemeinsame Start- und eine Abschlussrunde mit Feedback. „Ein Junge sagte am ersten Tag, er sei nicht sportlich und bewege sich nicht gerne. Am zweiten Tag wollte er in einer Situation aufgeben, konnte aber motiviert werden weiter zu machen. Die ganze Zeit hat er super mitgehalten. In der Abschlussrunde am letzten Tag sagte er dann, er sei total stolz, dass er nicht aufgegeben hätte. Das hat mich ungemein gefreut“, erzählt Wüst.

Teamleiter Maik Wiens ist ebenfalls voll des Lobes: „Alle sind begeistert bei der Sache gewesen. Besonders toll fand ich, dass die Jungs immer wieder die Chance genutzt haben, auch zwischendurch mit Marcel Wüst ins Gespräch zu kommen; nicht nur über das Radfahren, sondern auch über andere Themen, wie Autos und vieles mehr“, schwärmt er und schmunzelt: „Ich vermute, Marcel hat selbst nachts in seinen Träumen noch seinen Namen gehört, so oft wie die Kinder ihn tagsüber gerufen haben.“

Nicht alltäglich: Kuchen im Garten eines Weltsportlers

Auch den Abschluss der drei gemeinsamen Tage gestaltete der Ex-Radrennprofi ganz besonders: Er lud die Jungen und ihre Betreuer zu sich nach Hause ein. Seine Frau Susanne hatte Saft, Kaffee und selbstgebackenen Kuchen vorbereitet, den sich die Gruppe im Garten des Ehepaares schmecken ließ – natürlich unter Einhaltung der geltenden Corona-Schutzmaßnahmen. „Das war eine Idee der Beiden und vorher nicht abgesprochen“, stellt Uschi Geisen gerührt fest. „Es war beeindruckend zu sehen, mit welcher selbstverständlichen Natürlichkeit sie uns willkommen geheißen haben und den Jungen begegnet sind.“ Dies sei für Kinder, die in einer Jugendhilfeeinrichtung leben, eine tolle, nicht alltägliche Erfahrung.

Auf die gemeinsame Zeit zurückblickend sind sich Ursula Geisen, Maik Wiens und Marcel Wüst einig: „Ziel erreicht!“ Und das berühmte Tüpfelchen setzte Wüst dann noch auf das „I“, indem er den Jungen versprach, sie im August nochmals zu einem gemeinsamen Grillabend zu besuchen – um das Erlebte mit etwas Abstand und Reflexion noch einmal Revue passieren zu lassen.

 

Marcel Wüst

Marcel Wüst wurde am 6. August 1967 in Köln-Klettenberg geboren. Er besuchte die Grundschule in Köln-Bickendorf und machte am Gymnasium an der Kreuzgasse sein Abitur. Sein erster Radsportverein war der PSV Köln. Als Radrennprofi gewann er 14 Etappen bei allen großen Rundfahrten (Tour de France, Giro d’Italia und Spanienrundfahrt) und fuhr über 100 Siege ein. Sein größter Coup: Als Sprinter fuhr er am 1. Juli 2000 ins Bergtrikot bei der Tour. Nach seinem Unfall (ebenfalls im Jahr 2000) musste er seine Karriere beenden und arbeitete unter anderem als ARD-Experte.

Heute lebt Marcel Wüst mit seiner Frau in Glessen bei Köln und auf Mallorca. Von seiner Finca Casa Ciclista aus bietet er einzigartige Radsporturlaube an. Als Moderator, Referent und Motivationstrainer ist er sehr gefragt. Und natürlich fährt er auch noch Rennrad, am liebsten für einen guten Zweck. So fuhr er am 5. Juli zugunsten der Initiative „Kilometer für Kinder“ 444,4 km in 13,5 Stunden. Dadurch gingen rund 23.000 Euro an die Kinderkrebsstiftung.

Im Jahr 2011 gründete er sein Hobby Radteam für Jedermann, das heute über 220 Mitglieder zählt.

Mehr zu Marcel Wüst gibt es auf seiner Homepage unter www.team-casaciclista.de.

 


Fotos: Uschi Geisen, Maik Wiens, Karina Wasch

 

 


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